Chillen: sinnlose Entspannung?

Zwei Jungs chillen auf einer grünen Wiese; der eine liest, der andere träumt.

Freizeit besteht nicht nur aus Aktivität, sondern auch aus Entspannung und Nichtstun. Und für viele Jugendliche ist genau das zwanglose Zusammensein mit Freunden das eigentlich wahre Leben.

von David Signer / Fritz+Fränzi 3

Hört man Jugendlichen zu, könnte man den Eindruck gewinnen, Chillen sei für sie etwas vom Wichtigsten überhaupt. Doch was ist eigentlich Chillen?

«Chillen heisst: keine Klavierstunde; nichts müssen, alles dürfen; mit Popcorn vor dem Fernseher sitzen; mit Kollegen in die Badi gehen», sagt der 11-jährige Florian. Und er ergänzt: «Easy halt.»

Für die 12-jährige Maria bedeutet Chillen: «Telefonieren; mit meinen besten Freundinnen auf dem Bett sitzen und reden; Velo fahren.» Sie erinnert sich, wie sie letzten Sommer mit ihrer Freundin einen CD-Player auf der Wiese hinter dem Haus installierte; dann machten es sich die zwei auf Liegestühlen bequem, setzten Sonnenbrillen auf und schleckten Glaces. Das war «super-chillig».

Der 14-jährige Kevin versteht unter Chillen «Relaxen» und «keinen Stress». Aber es bedeute nicht nur Abhängen, sagt er. «Man kann sich auch beim Fussballspielen entspannen.» Das Wichtigste sei, dass kein Erwachsener sage: «Mach vorwärts, um vier Uhr müssen wir beim Hauptbahnhof sein!»

Entspannung oder Faulenzerei?

Studiert man die Fachliteratur, die zum Thema Jugendliche und Freizeit vorliegt, fällt auf, dass dauernd die Rede ist von Freizeitaktivitäten. Nichts Spezielles tun, abhängen, einfach sein, das kommt kaum je zur Sprache. Fast könnte man meinen, Freizeit im engeren Sinne gebe es vor lauter Kursen, Programmen und Angeboten schon gar nicht mehr. Und tatsächlich sind viele Eltern besorgt, wenn ihre Kinder «nur» mit Gleichaltrigen in der Ecke sitzen, Musik hören, fernsehen, quatschen, gamen, chatten oder träumen. Während sich die Jungen selbst lebendig und frei fühlen, haben die Erwachsenen den Eindruck von Apathie, Langeweile, Zeittotschlagen und machen Vorschläge, was man alles an Sinnvollem und Produktivem unternehmen könnte.

Die Jugend ist die Phase, in der man von den Eltern weggeht, ohne schon recht zu wissen wohin. Man weiss eher, was man nicht mehr will, als was man will. Vielleicht ist Chillen genau dies: Unter Gleichaltrigen sein, ohne Erwachsene, ohne genaues Programm, und schauen, was passiert.

Für Boris Müller, 38, während zehn Jahren als Streetworker in Zürich mit Jugendlichen tätig, geht es vor allem um das Thema «eigener Raum». Was man genau tue, sei weniger wichtig als Zusammensein, Autonomie, Abgrenzung. Am See, auf der Strasse, auf der Schlittschuhbahn oder in der sturmfreien Bude kann man sich ohne Aufsicht, ohne gutgemeinte Ratschläge entspannen und neue Kommunikationsformen, neue soziale Spielregeln ausprobieren.

«Als Erwachsene vergessen wir oft, wie stressig die Jugend sein kann», sagt Müller. «Die Jugendlichen haben das Gefühl, alle wollten dauernd irgendetwas von ihnen und es gebe kaum Inseln der Erholung.» Entspannung werde von den Erwachsenen oft als Faulenzerei disqualifiziert. Dabei sei es durchaus auch eine Fähigkeit, die den Erwachsenen oft abhandengekommen sei.

Auch das Besprechen von Problemen in der Peergroup sei sehr wichtig. «Die Clique von Gleichaltrigen kann eine Art Selbsthilfegruppe sein», sagt Müller. Er hat beobachtet, dass es bei Jugendlichen, denen überhaupt kein Freiraum zugestanden wird, manchmal zu einem Totalausbruch kommt. «Sie haben dann vielleicht überhaupt keine Lust mehr, noch irgendetwas Sinnvolles zu machen.»

Unverplante Zeiten für Kinder und Jugendliche

Müller glaubt nicht, dass es den Jugendlichen an nicht kommerziellen Freizeitangeboten fehlt. Dieser Vorwurf war im letzten Sommer, als es in der Zürcher Innenstadt mehrfach zu Ausschreitungen unter Jugendlichen kam, oft zu hören. Das Gegenteil sei der Fall, sagt Müller: «Natürlich sind die Clubs und die Drinks teuer. Aber der Vorwurf, der vor zwanzig Jahren zutraf, zielt heute ins Leere. Jedes Wochenende steigt irgendwo an einem abgelegenen Ort eine Goa-Party, und in der Stadt gibt es eher ein Überangebot an betreuten, begleiteten, strukturierten und subventionierten Projekten und Aktivitäten.» Was fehle, seien eher unverplante Zeiten.

Das gelte auch für die Jüngeren: «Es gibt Kinder und Jugendliche, die betteln bei ihren Eltern darum, dass zumindest in einer Woche der Sommerferien nichts läuft, nichts organisiert wird. Eine Woche, in der sie nichts anderes machen, als einfach mit ihren Freunden oder Freundinnen zu chillen.» Chillen, so Müller, könne auch als eine Art Abgrenzung und Verweigerung gegen Erwartungen, Unterhaltungs- und Animierprogramme, pädagogische Aktivierungs- und Lernanstrengungen aufgefasst werden – als Nein!

Freizeit: früher – heute

Oft haben Eltern das Gefühl, die Jungen hätten heute viel mehr Freiheit als früher und wüssten mit ihrer Freizeit schon gar nichts mehr anzufangen. Ob das stimmt, ist gar nicht so leicht zu beurteilen. Einerseits wurden die Jugendlichen früher strenger erzogen; sich schon mitten am Tag aufs Bett oder aufs Sofa zu legen, war verpönt. Zumindest in ländlichen Gegenden musste man schon früh im Haushalt oder auf dem Hof mithelfen oder überhaupt arbeiten gehen.

Andererseits ist die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit erst jüngeren Datums. In landwirtschaftlichen Betrieben gab es zwar kein Chillen, aber einen Wechsel von schweren und leichten Arbeiten, die durchaus entspannenden Charakter haben konnten. Es existierten zwar keine Ferien, aber der Winter beispielsweise war, ganz im Einklang mit der Natur, eher eine Ruhezeit. Und am Sonntag gab es noch keine offenen Läden und keine Zeitungen.

Trotz des technischen Fortschritts, der uns eigentlich Arbeit abnehmen und Zeit geben sollte, ist unterm Strich das Gegenteil passiert. Das ist paradox, und geht man zurück in der Geschichte, zeigt sich, dass die «primitiven» Jäger und Sammler gemäss ethnologischen Beobachtungen mit lediglich etwa vier Stunden Arbeit pro Tag auskamen und heute noch auskommen. Der Rest der Zeit bleibt für Spiele, Plaudern, Singen, Flirten, Relaxen. Und wenn sich die Jungen zurückziehen wollen, brauchen sie dazu weder ein Jugendhaus noch einen Club. Sie gehen einfach in den Wald oder hinter den nächsten Hügel. In so einer Welt sind vermutlich auch keine Drogen und kein Alkohol nötig, um sich entspannen zu können.

«Chillaxen»: abkühlen und relaxen

Chillen heisst wörtlich «abkühlen». Das Wort verbreitete sich im deutschen Sprachraum im Zusammenhang mit den Chillout-Räumen der Clubs, wo man sich zwischendurch bei coolem Ambient-Sound von den schnellen und heissen Techno-Rhythmen entspannen konnte. Es wird heute etwa gleichbedeutend mit «relaxen» verwendet, hin und wieder auch in der Kombination «chillaxen».

Während man im – katholischen – Mittelmeerraum schon immer ein eher selbstverständliches Verhältnis zum Ausspannen pflegte (Dolcefarniente, Siesta) und in Asien Nichtstun und Nichtsdenken sogar als Weg zur Erleuchtung gelten (Meditation), sieht der protestantische Norden im Müssiggang seit je eine Gefahr. Nicht umsonst zählt die Trägheit zu den sieben Todsünden und wimmelt es von entsprechenden Volksweisheiten: Wer rastet, rostet. Allerdings kann man sich auch fragen, wie viel Chillen noch mit Ausklinken oder gar kontemplativer Leere zu tun hat, wenn dabei gleichzeitig TV, Handy, MP3-Player, Facebook, Youtube und Spielkonsole in Betrieb sind.

Individuelles Chillen

Offenbar hat Entspannung mehr mit der subjektiven Bewertung und Empfindung zu tun. Was für den einen Anstrengung bedeutet, beruhigt den andern. Jeder chillt also auf seine Weise, ganz gemäss seinen eigenen Bedürfnissen.

Der 18-jährige Frédérique sagt: «Ich lerne auf die Matura. Letzten Sonntag musste ich zehn Stunden lang Mathe büffeln. Nachher erholte ich mich am liebsten mit möglichst brutalen Kriegsspielen.»

«Ich war am Sonntag am Fluss», sagt sein 16-jähriger Bruder. «Wenn mich meine Mutter am Abend fragt, was wir gemacht haben, sage ich: gechillt. Das ist praktisch, das sagt alles und nichts.»

«Alles, was du gerne machst, kann chillig sein», meint die 14-jährige Alima. «Für mich ist Gitarrelernen anstrengend, weil ich dauernd Fehler mache. Aber meine Freundin spielt gut, und deshalb ist es für sie kein Stress. Und unser Nachbar Jay sagt, er chille bei Mathe!»

 

Dieser Text ist im Elternmagazin «Fritz+Fränzi» erschienen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Bearbeitet und um Titel und Zwischentitel ergänzt durch die Redaktion des Eltern Club Schweiz.

3Kommentare

  • LukasM
    sagte am 28.07.2012 um 11:37 h:

     

    Das erinnert mich an die Aussage „Wir haben verlernt, was wahre Musse ist – und was sie bewirken kann.“ In folgendem Text:

    http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Mut-zur-Musse/story/21706898

       
  • IsabelleW
    sagte am 25.08.2012 um 14:34 h:

    Wir müssen unseren Kindern und Jugendlichen unbedingt die Zeit geben, auch einfach mal nichts zu tun, oder eben zu chillen. Da kommen einem die besten und kreativsten Ideen. Wir können uns daran auch ein Beispiel nehmen...

       
  • MurielleV
    sagte am 28.08.2012 um 08:58 h:

    Leistungsdruck ist allgegenwärtig, sei es in der Schule, im Beruf oder in der Freizeit. Deshalb kann Chillen einen gewissen Ausgleich bringen und sollte unbedingt seinen Platz haben im Alltag, auch im Alltag von Erwachsenen.

       

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