Das grösste Gebäude im kleinen Städtchen Uznach im sankt-gallischen Linthgebiet ist die Kirche. Auf der Gemeinde-Website heisst es unter «Freizeit und Erholung»: «In Uznach wird nicht nur geschlafen, sondern auch gelebt», und das stimmt tatsächlich, spätestens unter dem Schulhaus im Luftschutzkeller hört man das Stimmengewirr Pubertierender.
Auf dem Billardtisch flitzen die Kugeln hin und her, ein paar Jungen surfen im Netz. Sie schauen sich die letzten Partybilder an, insbesondere die der Mädchen. Es ist kurz nach 14 Uhr, der Jugendtreff Uznach hat, wie jeden Mittwochnachmittag, seine schalldichten Türen geöffnet. «Hier bestimmen die Jugendlichen, was sie unternehmen wollen», berichten die Jugendtreff-Leiterin Renate Bürli und der ehemalige Jugendtreff-Leiter Fritz Ladner fast im Chor.
Die Jugendlichen führen Regie
Heimelig ist so ein Luftschutzkeller nicht, aber dafür hat es genügend Platz. Drei grosse Räume, darunter auch eine Bar und eine DJ-Anlage, sind das Reich der Uznacher Jugend. Zwischen 40 bis 80 Mädchen und Jungen im Alter von 13 bis 16 Jahren besuchen den Treff wöchentlich. Veranstaltungen wie Partys, Konzerte oder Spielturniere auf der Playstation organisieren die Teenager in eigener Regie.
«Wir unterstützen und begleiten sie dabei, aber sie sind die Akteure», erzählt Bürli. Von der Halloween- bis zur LAN-Party läuft das ganze Jahr etwas, und die Veranstaltungen ziehen auch die Jugendlichen aus den Nachbargemeinden an.
Zufriedenes Neben- und Miteinander
«Dass wir hier unten kein Tageslicht haben, stört mich, aber sonst bin ich gerne da. Ich kann am Computer chatten, und es ist schön, dass auch die Mädchen hierher kommen», sagt der 14-Jährige Flavio. Die Durchmischung von Mädchen und Jungen sowie der verschiedenen Kulturen im Treff hat sich etabliert. «Hier nimmt sich jeder seinen Platz – ob Hiphopper, Skater oder sonstige Gruppierungen», berichtete Ladner.
Jeden Mittwochabend gehört der Treff allein den männlichen Besuchern, die Mädchen haben ihre eigenen Räume im alten Personalhaus des Uznacher Spitals. Dem 16-jährigen Kristian gefällt der Jungenabend: «Ich erfahre alle Neuigkeiten, und wir tratschen auch ein wenig. Super wäre, wenn der Treff zusätzlich am Sonntag geöffnet hätte.»
Veranstaltungen von Jugendlichen akzeptiert
Jugendtreffpunkte wie in Uznach, die auf die Bedürfnisse der Jugendlichen eingehen, sind hier zu Lande nicht die Regel. Die beiden Jugendarbeiter führen den Erfolg auf die gute Vernetzung zurück. «Im ganzen Ort stossen wir auf offene Türen. Die Zusammenarbeit zwischen Gemeinde, Anwohnern, Eltern und Lehrerschaft ist motivierend und äusserst angenehm. Die Leute in Uznach bekommen mit, was die Jugendlichen veranstalten, und das Klima zwischen den Generationen ist dadurch sehr entspannt.»
Die Wünsche der Jugendlichen sind allerdings vielfältig und variieren. Was in einer Gemeinde oder in einer Stadt Anklang findet, kann woanders das Gegenteil bewirken. «Jugendliche müssen sich prinzipiell äussern können, welche Freizeitangebote ihnen zusagen, und sich an deren Umsetzung aktiv beteiligen», fordert darum Delphine Lyner ehemalige Mitarbeiterin der Kantonalen Kinder- und Jugendförderung (okaj) Zürich.
Fehlende Angebote und Räume für Jugendtreffs
Gleichgesinnte treffen, plaudern, diskutieren, flirten, sich amüsieren und an den Wochenenden tanzen gehen und Partys besuchen wollen fast alle der knapp 800 000 Jugendlichen zwischen 11 und 19 Jahren in der Schweiz. Aber dafür fehlen ihnen meist die Lokalitäten, die den verschiedenen Altersgruppen gerecht werden, denn Discoabende im Keller der Dorfkirche sind nicht unbedingt das Nonplusultra unter den Teenagern.
«Das Angebot für Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren ist in Aarau sehr dürftig, die Älteren können Räume mieten, und ihnen steht auch ein Jugendkulturhaus mit Disco und Bar zur Verfügung», berichtet zum Beispiel der ehemalige Jugendkoordinator Patric Schatzmann. Die kommerziellen Party- und Tanzhallen sowie die szenigen Cafés und Bars sprengen das Budget der Teenies.
Aussenplätze für Teenager
Und Karin Bachmann, ehemalige Jugendbeauftragte in Oberengstringen, fügt hinzu: «Die Jugendlichen des oberen Limmattals verbringen viel von ihrer Freizeit im McDonald’s, weil es dort günstig ist und sie auch keine Alternative haben.»
Da es in Oberengstringen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen immer wieder an öffentlichen Plätzen wie in der Ladenpassage zu Streitigkeiten kommt, weil die Teenager sich dort häufig aufhalten und sich lautstark unterhalten oder ihren Müll demonstrativ liegen lassen, plant die Gemeinde, mehrere Aussenplätze für die Teenager zu definieren. «Bei den jungen Leuten kam die Idee sehr gut an. Ihre Ansprüche waren lediglich: ein Tisch, Sitzgelegenheiten und ein Regenschutz», erzählt die Jugendbeauftragte.
Mehr Treffpunkte und ein Jugendcafé
Auch im Züricher Stadtkreis 10 wurden die Mädchen und Jungen befragt, wie zufrieden sie mit der Freizeitgestaltung im Quartier sind. Das Resultat ist eindeutig: Wipkingen sei langweilig. Ein grosser Wunsch seien eine Jugendbeiz und Cliquenräume. Knapp tausend Kinder und Jugendliche zwischen zehn und zwanzig Jahren leben in Wipkingen.
«Im Quartier existiert kein Jugendtreff wie in den meisten Stadtkreisen, obwohl in Wipkingen zirka 30 Prozent mehr Jugendliche wohnen als beispielsweise im belebten Kreis 5», beschreibt Alexandra Fink, soziokulturelle Animatorin der offenen Jugendarbeit Zürich, die Situation. Dies soll sich nun ändern: «Wir wollen jugendkulturelle Räume für die 12- bis 16-Jährigen im Quartier realisieren, in denen sich unter anderem Cliquen verabreden können, Musik und Tanz möglich sind.
Auch ein Jugendcafé möchten wir in die Tat umsetzen», berichtet Fink. Die Jugendlichen sollen die Treffpunkte mitgestalten, die sie dann mit Unterstützung der Erwachsenen selbstständig betreiben. Aber die Suche nach geeigneten Räumen wird kein leichtes Unterfangen, ist sich Fink bewusst: «Es wird wohl mehrere Anläufe brauchen, da bereits die langjährigen Bemühungen der Quartierbewohner für ein Jugendhaus an der Raumknappheit scheiterten.»
Ein Gewinn für alle
Im aargauischen Zurzach ist der Traum eines Jugendcafés wahr geworden. Die Idee hatten zwei junge Kosovo-Albaner. Ehrenamtlich und mit grossem Einsatz haben die beiden das Café bis vor einem halben Jahr jeden Freitag bis Montag eigenständig geführt. Nach zwei intensiven Jahren wird demnächst ein neues Jugend-Team das Café übernehmen.
«Die Entstehung des Cafés und die damit verbundenen Gespräche mit der Gemeinde, der Bevölkerung und den Jugendlichen waren eine intensive Zeit, doch der Aufwand hat sich gelohnt», erzählt Jugendarbeiter Lukas Böhler.
Mit Anlässen wie Konzerten, Filmabenden oder Diskussionsrunden machte sich das Jugendcafé einen Namen bei der Zurzacher Jugend. Böhler freut sich über den Erfolg: «Das Café ist für die Jugendlichen nebst dem Jugendtreff ein wichtiger Begegnungsort, und das Verhältnis unter den Gruppierungen sowie zu den Erwachsenen hat sich seither deutlich verbessert.»
Dieser Text ist im Elternmagazin «Fritz+Fränzi» erschienen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Bearbeitet und um Titel und Zwischentitel ergänzt durch die Redaktion des Eltern Club Schweiz.

