Hilfe, meine Tochter motzt ständig!

Drei Schwestern im Nachthemd am Zähneputzen

Was tun, wenn die Tochter ständig motzt und rebelliert? Das Beratungsteam rät Eltern zu mehr Lob und Gelassenheit.

von Andrea Imthurn / Fritz+Fränzi 2

Sehr geehrte Damen und Herren

Wir sind eine fünfköpfige Familie und haben drei Mädchen, Magdalena, 9, Sandra, 7, und Carla, 3 Jahre alt. Magdalena ist ein ruhiges Kind, eine Perfektionistin, die ihr Zimmer immer aufgeräumt hat, Ordnung mit den Kleidern hält und ihre Ämtli ohne Murren erledigt.

Mit Sandra, unserer mittleren Tochter, haben wir seit Jahren Probleme, ich war deswegen vor zwei Jahren auch schon einmal bei einer Erziehungsberaterin, aber es hat wenig geholfen. Sandra motzt und rebelliert ständig. Sie ist auch unfreundlich gegenüber Grosseltern, Gotte, Götti usw. Sie sagt nicht Grüezi, nicht Adieu noch Danke, wenn sie etwas geschenkt bekommt. Auch habe ich sie schon beim Lügen erwischt.

Wenn ich sie bitte, ihre Ämtli zu erledigen, sagt sie, es sei fies, und «töibelet». Und das manchmal mehrmals täglich. Sie macht ein Drama, wenn sie früher als ihre zwei Jahre ältere Schwester ins Bett muss. Bei jeder Hilfe, um die ich sie bitte, stosse ich auf Widerstand. Sie ist eifersüchtig auf ihre ältere Schwester, sagt zur ihr «gäll, du wotsch immer di Bescht si». Das begreife ich auch, doch für uns ist es sehr schwierig, weil wir immer mit Sandra und fast nie mit Magdalena schimpfen müssen. Aber ich kann ja nicht mit Magdalena schimpfen, wenn es keinen Anlass dazu gibt, und bei Sandra ruhig sein und ihr Sachen durchgehen lassen, nur damit es ausgeglichen ist. Sandra motzt auch beinahe täglich über das Essen, wenn sie sich an den Tisch setzt.

Oder wenn es regnet und sie in die Schule muss, habe ich zehn Minuten Kampf mit ihr: Regenjacke ist blöd, Pelerine ist doof und der Schirm ein Seich. Als wir einmal zum Essen eingeladen waren, sagte sie ganz laut, das Fleisch sei furztrocken. Und an Magdalenas vorletztem Geburtstag haben meine Eltern auch ein kleines Geschenk für Sandra mitgebracht. Sie ist in ihr Zimmer gegangen, um es auszupacken. Danach ist sie aus dem Zimmer gekommen und hat gesagt, «en sone verdammte Schiissdräck chan ich überhaupt nöd bruuche, ich rüer en grad in Chübel».

Bei all diesen kleinen und grösseren Eskapaden wissen wir einfach manchmal nicht, wie wir jetzt reagieren und uns verhalten sollen, damit wir das Ganze nicht noch schlimmer machen. Sollen wir Sandra bestrafen, wenn ja, wie, womit? Mit ihr reden nützt nicht viel, das wissen wir aus Erfahrung, vielleicht zwei, drei Tage, dann ist wieder alles beim Alten. Wir wären sehr froh, wenn Sie uns mit ein paar Tipps helfen könnten, und danken Ihnen im Voraus bestens für Ihre Bemühungen.

Mit freundlichen Grüssen
K. Ackermann

Liebe Frau Ackermann

Wie unterschiedlich Ihre Töchter doch sind: Magdalena ist ein problemloses, ordentliches und zuverlässiges Mädchen, Sandra eine Rebellin, die Sie oft in Situationen bringt, die Ihnen das Herz stillstehen lassen. Und die Jüngste, Carla… – welche Rolle hat sie?

Tatsächlich kann man in vielen Familien beobachten, dass die Kinder ähnlich wie in einem Theaterspiel die verschiedensten Rollen abdecken. Neben der Perfektionistin und der Rebellin sind da noch die Fürsorgliche, die Kränkliche, die Kluge, die Unselbstständige, die Vernünftige denkbar. In Ihrer Familie hat die Erstgeborene sich für die Perfektionistin entschieden, Sandra hat offensichtich die Rolle der Rebellin gewählt. Dadurch kriegt sie viel Aufmerksamkeit – und dies vor allem auf eine andere Art als ihre Schwester. Ich möchte Ihnen gerne ein paar Fragen zum Nachdenken stellen:

  • Welche Dinge oder Unternehmungen sind es, die Sandra Freude bereiten?

  • Was kann sie gut?

  • Wie verhält sie sich, wenn sie allein bei Freundinnen zu Hause ist oder wenn Sie als Familie zu Besuch gehen? Gibt es da Unterschiede?

  • Was berichtet die Lehrperson von Sandras Verhalten in der Schule?

  • Wie ist ihr Umgang mit andern Kindern im Freizeitbereich und in der Schule?

Erziehen, ohne zu strafen, ist erfahrungsgemäss schwierig. Aber es ist eine Binsenwahrheit, dass Loben raschere und nachhaltige Erfolge zeigt und erst noch das Selbstwertgefühl der Kinder stärkt. Ich habe das Gefühl, dass Sie sich mit Sandra oft in einem Teufelskreis drehen oder sich in Machtkämpfe verstricken.

Versuchen Sie in der nächsten Zeit konsequent, das nicht mehr mitzumachen. Stellen Sie sich nicht mehr als Sparringspartnerin zur Verfügung. Zugegeben, das braucht eine grosse Portion Gelassenheit von Ihrer Seite, allerdings zugunsten einer besseren Stimmung in der Familie und einer positiveren, tragfähigeren Beziehung zu Ihrem Kind.

Ich greife hier beispielhaft einige der von Ihnen geschilderten Situationen auf: Sie können es Sandra überlassen, wie sie sich vor Regen schützen soll. Ich stelle mir vor, dass Sie, bevor Sandra das Haus verlässt, möglichst nebenbei bemerken: «Ach, es regnet, aber du bist ja alt genug, um zu wissen, wie du dich vor der Nässe schützen kannst.»

Es ist möglich, dass Sandra – wie um Ihre Ernsthaftigkeit zu testen und um zu schauen, ob Sie ihr mit Schirm oder Pelerine nachspringen – ein paarmal das Haus ohne Regenschutz verlässt. Sie müssen abwägen, ob Sie eine Erkältung von Sandra in Kauf nehmen zugunsten einer besseren Stimmung.

Das Motzen übers Essen lässt sich häufig vermeiden, wenn alle Kinder zwei oder drei Esswaren, die sie überhaupt nicht mögen, aufschreiben dürfen. Von diesen Speisen müssen sie nichts essen, wenn sie auf den Tisch kommen, alles andere aber wird – auch wenn es nur eine Kleinstportion ist – zumindest versucht. Wichtig ist, dass Sie nicht mehr diskutieren, sondern dass es allen klar ist: Was nicht auf der Liste steht, wird gegessen. Da die Vorlieben ändern, ist es sinnvoll, die Liste von Zeit zu Zeit neu zu schreiben.

Bitte achten Sie im Alltag auch auf ganz kleine Situationen oder Zeichen, wo sich Sandra in einer gewünschten Art verhält, und loben Sie sie dafür! Eine andere Methode, die allerdings von Ihnen sehr viel Konsequenz und einiges an Aufwand erfordert, ist eine Strichliste, mit der Sie positives Verhalten sichtbar machen. Dazu kreuzen Sie in einem Kalender die Tage an, an denen Sie mit Sandras Verhalten zufrieden waren, und belohnen Sie sie, wenn Sie zum Beispiel pro Woche vier Kreuze schafft. Ich wünsche Ihnen Zuversicht und Gelassenheit.

Andrea Imthurn, Fachpsychologin SBAP. in Kinder- und Jugendpsychologie

 

Dieser Text ist im Elternmagazin «Fritz+Fränzi» erschienen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Bearbeitet und um Titel und Zwischentitel ergänzt durch die Redaktion des Eltern Club Schweiz.

2Kommentare

  • MajaS
    sagte am 05.08.2012 um 13:53 h:

    Ja, Mädels können manchmal ganz schön nerven, kenne ich nur zu gut, aber ich glaube je älter sie werden umso mehr wachsen sie zusammen und finden Ihre Gemeinsamkeiten!

       
  • EvelinG
    sagte am 10.08.2012 um 19:35 h:

    Kenne ich von unserem Sohn der hatte auch so eine Phase und ich muss sagen manchmal wollte ich mit Ihm einfach nicht mehr diskutieren. Habe Ihn dann motzen lassen und mich umgedreht und aus dem Zimmer gelaufen.... glaubt mir einfach nicht zu hören wirkt manchmal wahre Wunder!
    War aber zum Glück nur ne Phase!

       

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