In punkto Jugendarbeitslosigkeit steht die Schweiz in Europa vergleichsweise gut da. Das heisst aber nicht, dass es sie nicht gibt; die jungen Existenzen, die nach der Ausbildung Mühe haben, im Arbeitsleben Tritt zu fassen. Zwischen 3 und 3,5 Prozent beziffert das statistische Amt jährlich jene Adoleszenten, die im Alter von 15 bis 24 Jahren ohne Erwerb dastehen. Rund 80 Prozent der Arbeitslosen finden innerhalb von sechs Monaten eine Lösung: «Das ist sehr schnell», sagt Irene Tschopp vom Amt für Wirtschaft und Arbeit im Kanton Zürich, dem auch die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) unterstellt sind.
Die guten Zahlen sind auch die Folge eines sozialen Auffang- und Fördersystems, das in der Schweiz gut zu funktionieren scheint. Doch für betroffene Eltern und Jugendliche ist es bisweilen nicht einfach, in der Flut der behördlichen Ämter die Übersicht zu behalten. Was gibt es für Förderprogramme? Welche Unterstützungsgelder stehen mir zu? Oder welche Möglichkeiten bestehen schon in der Schulzeit, um sich dem Arbeitsleben anzunähern?
Wichtige Kontakte zum Gewerbe
Bereits der Wohnort kann entscheidend sein, ob und wie Jugendliche den Schritt ins Arbeitsleben meistern. Eine Gemeinde, der die Begleitung der Jugendlichen ins Erwachsenenleben vorbildlich gelingt, ist das zürcherische Obfelden. Jedes Jahr geben Oberstufenlehrer beim statistischen Amt an, wie viele Schüler keine Stelle finden konnten. Diesbezüglich steht Obfelden zurzeit an zweiter Stelle – im positiven Sinne: In jedem Jahrgang seien es jeweils nur etwa zwei bis drei Schüler, die nicht vermittelt werden können, sagt Heinz Bucher, der schon seit 37 Jahren als Oberstufenlehrer im 5000-Seelen-Dorf amtet. Das liegt deutlich unter dem gesamtschweizerischen Schnitt.
Bucher erklärt das Erfolgsrezept mit der intensiven Zusammenarbeit zwischen der Schule und dem lokalen Gewerbe. «Doch bis ein solches Netzwerk entsteht, vergehen Jahre», sagt Bucher. Deshalb kann auch nicht jede Schule den Jugendlichen und Eltern ein solches Angebot bieten.
Frühzeitig «ins Berufsleben hineinwachsen»
Umso wichtiger sind deshalb schweizweite Förderprojekte wie «Lift» der Stiftung Mercator, die sich für eine lernbereite und weltoffene Gesellschaft einsetzt. Das mit Bundesgeldern finanzierte Programm wurde erst vor Kurzem ins Leben gerufen und bietet Jugendlichen ein so genanntes «Social Package» an, wie Heinz Bucher erklärt. Schüler und Schülerinnen, die schwer vermittelbar sind, sollen bereits ab dem 7. Schuljahr in das Projekt eingegliedert werden. Eine Teilnahme geschieht freiwillig. Weil die Jugendlichen praxisbezogen geschult werden, erachtet Bucher das Angebot für sinnvoll: Die Teenager lernen beispielsweise, wie sie sich beim Vorstellungsgespräch in Szene setzen oder ein gutes Motivationsschreiben verfassen. Zusätzlich erhalten die Schüler die Möglichkeit, regelmässig in Betrieben zu schnuppern - «so können sie langsam in das Berufsleben hineinwachsen», sagt Bucher.
Wenn Jugendliche trotz aller Bemühungen nicht in einem Lehrbetrieb unterkommen, gibt es verschiedene Zwischenlösungen. Das 10. Schuljahr oder ein Motivationssemester sind die gängigsten. Um sich mit diesen Überbrückungsmöglichkeiten vertraut zu machen, organisiert etwa die Stadt Zürich in den Monaten Mai und Juni jeweils ca. sechsmal den Anlass «Keine Lehrstelle - was tun?»: «Dort können sich Jugendliche über die Angebote der Motivationssemester und der 10. Schuljahre informieren und dabei wichtige Kontakte knüpfen,» sagt Claudia Schildknecht vom Laufbahnzentrum der Stadt Zürich. Ähnliche Angebote existieren auch in anderen Kantonen.
«Damit die Jugendlichen sicher eine Zwischenlösung finden, ist es wichtig, dass sie solche Termine nicht verpassen», sagt Schildknecht. Parallel rät sie den Betroffenen, weiterhin nach einer Lehrstelle Ausschau zu halten. Denn was viele Eltern und Jugendliche nicht wissen: Es gibt bis im August Ausbildungsplätze, die noch nicht besetzt sind.
Das Recht auf Sozialhilfe
Wenn nun aber alle Stricke reissen und Jugendliche weder Lehrstelle noch Zwischenlösung finden, steht in der Schweiz ein soziales Auffangnetz zur Verfügung. Mit der Revision der Arbeitslosenversicherung wurde jedoch die Wartefrist für ein so genanntes Taggeld auf 120 Arbeitstage heraufgesetzt. Dies nicht zuletzt, um einen gewissen Druck zu erzeugen: «Jugendliche sollen nicht einfach stempeln gehen, sondern sich intensiv um eine Lösung bemühen», sagt Irene Tschopp vom Amt für Wirtschaft und Arbeit. Läuft nach einer gewissen Zeit das Anrecht auf Taggeld ab, so können Jugendliche in der Schweiz auch Sozialhilfe beziehen (mehr Infos diesbezüglich bietet die Webseite «jugendarbeitslosigkeit.ch» der Gewerkschaft UNIA).
Was sich Eltern und Lehrstellensuchende auch bewusst sein müssen: Nicht alle jungen Stellensuchenden kämpfen in der Schweiz mit gleich langen Spiessen. Das weitverbreitete Klischee, dass Jugendliche mit der Endung «-ic» im Nachnamen bei der Stellensuche mehr Schwierigkeiten haben als ihre Schweizer Kollegen, kann Heinz Bucher bestätigen: Für solche Jugendlichen sei es umso wichtiger, dass sie persönliche Kontakte ins Gewerbe aufbauen können - nur so liessen sich Vorurteile abbauen.
Beliebte und unbeliebte Berufe
Zugleich merkt Bucher an, dass die Anforderungen an Lehrlinge in nahezu allen Branchen massiv gestiegen sind. Der Lehrer erinnert sich: Vor einigen Jahren sei ihm etwa von der Post ein Beurteilungsbogen für Schüler zugeschickt worden. Die einzige Ankreuzmöglichkeit darauf war: «gut» oder «nicht gut». Heute bekämen die Lehrer zur Beurteilung von den Betrieben mehrseitige Fragebögen zugeschickt. «Es wird einfach immer mehr verlangt», sagt Bucher.
Doch auch Jugendliche müssen bei der Stellensuche ihre Erwartungen drosseln: «Es kann nicht jeder das KV machen», sagt Bucher. Während im kaufmännischen Bereich ein Unterangebot herrscht, gibt es Branchen, die Mühe haben genügend Arbeitskräfte zu finden. Dazu gehören gemäss Schildknecht die Berufe Coiffeur / Coiffeuse oder Elektroinstallateur/in (Stand: Frühling 2012).
Eine weitere Entwicklung, die es den Jugendlichen nicht einfacher macht, ist die hohe - manchmal zu hohe - Erwartung seitens der Eltern. «Es kommt nicht selten vor, dass ich die Erwartungen an das eigene Kind bereits im ersten Elterngespräch dämpfen muss», sagt Bucher. Ansonsten bleibe kaum mehr Zeit für einen Neuaufbau. Im Extremfall reagierten gewisse Eltern gar mit Liebesentzug, wenn die Erwartungen vom eigenen Kind enttäuscht werden. Der Lehrer ruft diese Eltern zur Vernunft auf: «An übersteigerten Erwartungen sind schon viele Kinder zerbrochen.»


MaP
sagte am 19.07.2012 um 18:24 h:Ich finde es wichtig das Jugendliche schon früh Praktikas und Schnuppertage machen um herauszufinden was Ihnen liegt und was nicht, denn wenn man genau weiss was man will, dann kann man da auch mit viel mehr Elan an die Sache ran gehn und ist bestimmt auch überzeugender!