Sportangebote für Kinder: Spass im Vordergrund

Gruppe von Kindern spielt Fussball auf einer grünen Wiese an einem sonnigen Tag.

Unsere Kinder werden immer dicker, laufen weniger schnell und klettern schlechter als früher. Dennoch soll Sport Spass machen und keine Qual sein.

von Dorothee Degen-Zimmermann / Fritz+Fränzi 1

Kennen Sie den «Mamasport»? Montag Fränzi in die Ballettstunde, Dienstag Fritz ins Fussballtraining fahren. Mittwochnachmittag Hallenbad mit beiden. Donnerstag Fränzi und Freundin vom Tennis abholen. Freitag Sportklamotten waschen, Samstag Kuchen backen fürs Grümpelturnier, Sonntag «fanen» beim Turnier…

Dabei ist es ja erfreulich, dass es so viele Sportangebote für Kinder gibt. Jeder Sport fordert wieder andere Bewegungsablaufe, sei es Geschicklichkeit, Kraft, Schnelligkeit oder Ausdauer. Das Angebot für freiwilligen Schulsport beispielsweise der Stadt Zürich umfasst etwa 160 Kurse in über 57 Disziplinen.

Sportkurse und Ferienangebote sind vorhanden

Kleinere Gemeinden können da natürlich nicht mithalten, aber auch abseits der grossen Zentren organisieren Vereine vielerlei Sportkurse.

Und wer sich nach Ferienangeboten umsieht, hat gute Chancen: Der Suchbegriff «Sportlager» erzielt im Web über tausend Treffer in der Schweiz. Die Angebote sind verlockend, und die Kinder werden heiss umworben. Sport, so heisst es auch, baut Stress ab.

Doch was Stress abbauen soll, kann unversehens selbst zum Stress werden: Nicht alle haben die Kapazität, drei bis vier verschiedene Trainings pro Woche zu absolviert. Nicht selten hangeln sich «sportliche» Mutter und die Kinder selbst durch eine überfüllte Agenda, hetzen von Verpflichtung zu Verpflichtung.

Mit Sport gegen Übergewicht

Sport sollte Spass machen, der Bewegungsfreude dienen, die körperliche Entwicklung fördern und einen Ausgleich zur Schule schaffen. Das ist auch dringend nötig. In der Bevölkerung macht sich ein bedenkliches Bewegungsdefizit breit, auch und gerade bei den Kindern.

Augenfällig ist die alarmierende Zunahme übergewichtiger Kinder. Weniger bekannt ist, dass die motorischen Fähigkeiten der heutigen Kinder merklich abgenommen haben. Sie rennen weniger schnell, springen weniger weit, klettern weniger gut als ihre Altersgenossen noch vor zehn, zwanzig oder dreissig Jahren.

Kinder sind von Natur aus in Bewegung

Sie haben auch mehr Haltungsfehler, Kopf- und Rückenschmerzen. Das ist eine Zeitbombe: nicht auszudenken, welche Spätfolgen das für die Gesundheit der Bevölkerung haben wird. Kinder haben ein sehr grosses Bewegungsbedürfnis, sie sind eigentlich fast immer in Bewegung – wenn man sie lässt.

Und hier liegt die Crux: Wo können sich Kinder überhaupt ungehindert bewegen? Wo können sie herumrennen, auf Bäume klettern, Velo fahren, Bache stauen? Das Problem beginnt, lange bevor sie in der Schule das Stillsitzen üben müssen. Das viel geschmähte Fernsehen ist eher Folge als Ursache: Die Kinder sitzen vor dem Kasten, weil sie draussen keinen Platz zum Spielen haben.

Turnstunden und Sportverein genügen nicht

Mit ein paar Turnstunden – die übrigens immer die ersten sind, die zu Gunsten anderer schulischer Angebote oder im Rahmen neuer Sparmassnahmen gestrichen werden – und auch mit freiwilligem Schulsport ist dem Bewegungsdefizit nicht beizukommen. Kinder wollen sich mehrere Stunden am Tag mehr oder weniger intensiv bewegen.

Aber auch qualitativ brauchen sie noch anderes. Max Stierlin, Sportwissenschaftler, setzt sich mit Nachdruck dafür ein, dass Kinder im Spiel eine breite Palette von Bewegungsarten ausleben können, und zwar nicht nur unter Anleitung und Aufsicht von Erwachsenen.

Genügend Bewegungsfreiräume schaffen

Er meint: «Es genügt nicht für die Entwicklung der Kinder, wenn ihnen viele Sportvereine zur Verfügung stehen. Sie lernen mehr und anderes, wenn sie sich selber organisieren. Zum Beispiel beim Fussball auf der Spielwiese: Sie verabreden sich, bilden selbstständig Mannschaften, sie müssen sich einigen, Streit selber schlichten. Diese Probleme löst ihnen im Verein der Trainer.» Sportförderung ist dringend notwendig. Aber sie darf nicht zur Alibiübung werden.

Und vor allem ist wichtig, dass wir den Kindern genügend Bewegungsfreiraume schaffen. Als taugliches Mittel sind darum auch die Begegnungszonen einzustufen, die seit Anfang 2002 die früheren Wohnstrassen ersetzen, in denen eine Höchstgeschwindigkeit von 20 Stundenkilometern gilt und alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt sind.

Sie sind relativ einfach und kostengünstig einzurichten. Sie könnten noch an vielen Orten den Kindern ein Stück Freiheit zurückgeben – auch in Form von Sportmöglichkeiten wie Streetball, Skaten, «Fangis» oder Gummitwist.

 

Dieser Text ist im Elternmagazin «Fritz+Fränzi» erschienen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Bearbeitet und um Titel und Zwischentitel ergänzt durch die Redaktion des Eltern Club Schweiz.

1Kommentare

  • anonymous
    sagte am 13.08.2012 um 16:13 h:

    Kinder sollten viel mehr draussen spielen und herumtoben mit Freunden und Nachbarskindern. Dass dies zu kurz kommt, liegt vielmals nicht daran, dass die Kinder nicht wollen oder zu faul sind. Denn die Freizeit von Kindern ist heute oft durchorganisiert durch Instrumentalunterricht, Sport- und Sprachkurse, etc. Vielleicht fehlt dann die Energie, um die restliche Zeit draussen beim Spielen zu verbringen. Dann wird der Fernseher und die Spielkonsole eher bevorzugt.

       

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