Trennungsangst bei Kindern

Kleiner Junge klammert sich an seine Mutter

Manche Kinder lassen sich sorglos auf eine neue Situation ein. Sie verkraften eine Trennung von den Eltern problemlos. Für andere ist Abschied nehmen mit Angst verbunden, sie geraten förmlich in Panik.

von Annette Cina Jossen / Fritz+Fränzi 1

Wenn von Trennungsangst gesprochen wird, denkt man meist an kleine Kinder, die sich schreiend an Papi oder Mami klammern. Eine Trennung kann jedoch auch für ein Kind im Schulalter sehr belastend sein; vor allem wenn es scheu und ängstlich ist und die Eltern zu seiner Sicherheit braucht. Der Mangel an Sicherheit und Selbständigkeit kann aber auch mit der familiären Situation zu tun haben: Veränderungen im Familienleben können ein Kind tief verunsichern. Eine Klassenfahrt oder eine Kindergruppe wird dann zum beängstigenden Ereignis.

Was tun?

Tipp 1:

Versuchen Sie zu verstehen, was genau Ihr Kind ängstigt. Schreckt es generell vor Neuem und Unbekanntem zurück? Oder kann es sein, dass sich das Kind Ihretwegen oder der familiären Situation wegen Sorgen macht und sich deshalb nicht trennen möchte? Hat es Probleme im Umgang mit Mitschülern oder mit einer Lehrperson? Je deutlicher Sie den Grund oder die Gründe einer kindlichen Trennungsangst erkennen, desto besser können Sie helfen.

Tipp 2:

Wenn Ihr Kind Mühe hat, sich von Ihnen zu trennen, sollten Sie es auf das bevorstehende Ereignis mental vorbereiten – fast wie beim Sport. Sagen Sie Ihrem Kind zunächst, dass Sie sich freuen, dass es einen tollen Ausflug oder ein super Lager erleben darf. Und dass es viel erleben wird, wovon es dann zu Hause erzählen kann. Anschliessend spielen Sie mit dem Kind den Abschied geistig durch: «Am Samstag werden wir früh aufstehen und zum Schulhausplatz fahren. Mit all den andern Kindern und Eltern warten wir dort, bis der Bus kommt. Eure Rucksäcke werden verladen, danach dürft ihr einsteigen…» Das Kind soll im Voraus Schritt für Schritt die Zeit vor dem Abschied durchleben und sich so vorbereiten.

Tipp 3:

Bleiben Sie gelassen. Der Abschied ist oft nicht nur fürs Kind, sondern häufig auch für die Eltern emotionaler Stress. Geben Sie Ihrem Kind zu verstehen, dass Sie sich über sein Abenteuer freuen. Versuchen Sie mit anderen Eltern ins Gespräch zu kommen. Stellen Sie Kontakt her zwischen Ihrem Kind und anderen Kindern, falls sich dies nicht von selbst ergibt.

Tipp 4:

Helfen Sie dem Kind, mit einer Beschäftigung anzufangen. Beispielsweise kann es mit anderen Kindern die Rucksäcke verstauen oder einen Sitzplatz finden.

Tipp 5:

Gestalten Sie den Abschied herzlich, aber kurz. Bringen Sie zum Ausdruck, dass Sie sehr stolz sind, ein so selbständiges Kind zu haben.

Tipp 6:

Vielleicht hilft auch das «Hosentaschen-Engelchen»: Schenken Sie dem Kind einige Tage vor der Abfahrt ein Holzengelchen oder einen griffigen «Zauberstein» als Reise-Talisman und ertastbares kleines Trostobjekt.

Tipp 7:

Sprechen Sie mit der Betreuungsperson über Ihre Ängste und Unsicherheiten. Machen Sie klar, dass es Ihnen nicht um eine Sonderbehandlung geht, dass aber das Kind aus dem einen oder anderen Grund fern von der gewohnten Umgebung Schwierigkeiten haben könnte. Selbstverständlich besitzt die Gruppenleitung Ihre Telefonnummer.

Angst vor Trennung abbauen und Sicherheit gewinnen

Wird das Kind bei seiner Rückkehr abgeholt, freudig begrüsst und vielleicht mit einem kleinen Geschenk empfangen, spürt es den Rhythmus von Abschied und Heimkehr – und es geniesst das Gefühl, vermisst worden zu sein. Möglicherweise ist es zuerst etwas anhänglich. Schenken Sie ihm die Zeit und Zuwendung, die es braucht, und zeigen Sie ihm, wie stolz Sie auf es sind.

Versuchen Sie, Ihre eigenen Ängste nicht auf das Kind zu übertragen. Das Kind muss schrittweise lernen, Trennungsangst abzubauen und Sicherheit zu gewinnen – und auch Sie sind in diesen Prozess eingebunden. Sollte ein Kind im Schulalter jedoch so sehr unter Trennungsangst leiden, dass es an bestimmten Aktivitäten nicht teilnehmen kann, muss psychologische Hilfe gesucht werden. Es darf nicht sein, dass sich die Angst verselbständigt und das Kind in seiner sozialen Entwicklung hemmt. Loslassen, aufbrechen, Abschied nehmen, getrennt sein und wieder heimkehren: All dies sind Lernschritte auf dem Weg zur Selbständigkeit.

 

Dieser Text ist im Elternmagazin «Fritz+Fränzi» erschienen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Bearbeitet und um Titel und Zwischentitel ergänzt durch die Redaktion des Eltern Club Schweiz.

1Kommentare

  • LetaZ
    sagte am 26.08.2012 um 13:51 h:

    Danke für die konkreten Tips. Es ist gut, so gneau zu lesen, was man in der Situation alles machen kann. Vor allem das Hosensackengeli gefällt mir.

       

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Dr. phil. Annette Cina Jossen ist Psychologin FSP und Leiterin von Triple P Schweiz. Sie arbeitet am Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg und ist Mutter dreier Kinder.

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