Verdacht auf Gewalt gegen Kinder

Mädchen wurde verprügelt und verkriecht sich in der Ecke. Sie hat einen blaues Auge und einen blauen Fleck am Arm.

Wird da vielleicht gegen ein Kind Gewalt ausgeübt? Das Umfeld, das einen solchen Verdacht schöpft, müsse mit Fingerspitzengefühl und Zivilcourage vorgehen, weiss Ulrich Lips.

von Petra Seeburger / Fritz+Fränzi 0

«Von Kindsmisshandlungen sprechen wir bei bewusster oder unbewusster, aber nicht zufälliger Schädigung von Kindern durch andere – seien diese körperlich oder psychisch», erklärt der Kinderarzt Ulrich Lips, der sich seit rund 30 Jahren für den Kinderschutz engagiert. Haupttäter sind dabei meist Eltern, die überfordert sind, partnerschaftliche Probleme haben oder an Suchtproblemen leiden. «Häufig ist keine Absicht dabei und schon gar kein Sadismus», erklärt der Experte.

Situationsbedingt laufe dann einfach «das Fass über», die Impulskontrolle versage, und die Aggression richte sich in der einen oder anderen Art gegen das Kind. Beim sexuellen Missbrauch sei dies anders: «Diese Täter kommen sehr oft aus dem weiteren sozialen Umfeld der Kinder.» Solche Übergriffe sind geplant, der Täter wählt die Kinder aus und lockt sie an.

Anzeichen und Signale von Gewalt gegen Kinder

Bei physischen Misshandlungen sind körperliche Zeichen sichtbar. Diese sind typischerweise an ungewöhnlichen Stellen. «Während es normal ist, dass Kinder blaue Flecken an Schienbein, Knie oder Stirn haben, ist es auffällig, wenn ein Kleinkind, das noch Windeln trägt, blaue Flecken auf den Pobacken hat», erklärt Ulrich Lips. Gerade Kinderärzte und Notfallärzte müssen hierfür sensibilisiert und dann besonders aufmerksam sein. Falls ein misshandeltes Kind ärztliche Hilfe benötigt, geben die Eltern das als Unfall aus oder erfinden eine Geschichte.

Dass irgendetwas nicht stimmt, äussert sich oft auch in Verhaltensauffälligkeiten. Laut Lips lassen sich die Kinder nicht mehr wickeln, ändern ihr Spielverhalten oder verschlechtern sich dramatisch in der Schule. Bei Formen der sexuellen Gewalt gegen Kinder sind deren Signale am schwersten zu erkennen. Ältere Schulkinder oder Pubertierende haben Hemmungen, darüber zu reden, wobei Jugendliche sich nicht selten zuerst bei ihren Altersgenossen outen. Kleinkinder hingegen erzählen oft irreal wirkende Geschichten. «Zuhören ist hier besonders wichtig.»

Bei Misshandlung nicht wegschauen!

Kindsmisshandlungen sind häufig, auch wenn genaue Statistiken aufgrund der Dunkelziffer fehlen. Die Kinderschutzgruppe des Kinderspitals Zürich kümmert sich pro Jahr um rund 500 Meldungen. Gemäss Lips ist dies aber nur die Spitze des Eisbergs. Umso wichtiger ist es deshalb, dass das Umfeld der Kinder aufmerksam ist und sich, wenn nötig, einmischt. «Keinesfalls darf man wegschauen, wenn eine Situation bezüglich Misshandlungen verdächtig ist. Es ist Aufgabe von uns allen, Kinder vor Übergriffen zu schützen.» Man sollte die Eindrücke, die man hat, zulassen und die Situation wachsam beobachten.

Experten empfehlen allesamt, nicht überstürzt zu handeln, sondern sich zuerst mit einer anderen Person zu besprechen: mit dem Ehepartner oder mit einem anderen Hausbewohner. Fach- oder Beratungsstellen stehen für die Planung des weiteren Vorgehens zur Verfügung. «Wir empfehlen dann, zuerst die Eltern anzusprechen», erklärt der erfahrene Leiter der Kinderschutzgruppe. Dabei gehe es darum, die richtige Gelegenheit zu finden und ohne Vorwurf sowie mit Verständnis die Situation anzusprechen.

Bei Verdacht auf sexuelle Übergriffe ist es hingegen wichtig, die Beobachtungen genau zu dokumentieren, um die Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten. Aussagen von betroffenen Kindern oder deren Freunden müssen ebenfalls schriftlich festgehalten werden. Dies ist für das juristische Verfahren bedeutend. «Jede Handlung bei einem Verdachtsfall von irgendeiner Form der Kindesmisshandlung braucht Zivilcourage», betont Lips.

Was tun bei Verdacht auf Missbrauch?

  • Nicht wegschauen, die Wahrnehmungen und Eindrücke, die man hat, zulassen und ernst nehmen. 

  • Die Augen öffnen, die Situation beobachten oder der Sache nachgehen.  

  • Sich mit anderen Personen besprechen – aus dem eigenen Umfeld oder von einer Beratungsstelle.  

  • Im idealen Moment die Eltern ohne Vorwurf und mit Verständnis ansprechen. Formulierungen verwenden wie «Sie haben es nicht leicht mit Ihrem Kind, ich kenne das, das war auch bei uns sehr stressig». Also eigenes Erleben und Beobachtung thematisieren, ohne den Druck der Eltern zu erhöhen.  

  • Den Eltern Beratungsangebote wie den Elternnotruf oder die Mütter- und Familienberatung empfehlen. 

  • Wenn solche Angebote abgelehnt werden, kann auch die Vormundschaftsbehörde eingeschaltet werden. 

  • Bei akuten und dramatischen Ereignissen sollte die Polizei gerufen werden.  

  • Sie müssen sich bewusst sein, dass Sie etwas riskieren, wenn Sie etwas verändern wollen und sich einmischen. Es braucht Mut und Zivilcourage.

 

Dieser Text ist im Elternmagazin «Fritz+Fränzi» erschienen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Bearbeitet und um Titel und Zwischentitel ergänzt durch die Redaktion des Eltern Club Schweiz.

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