Ferienbeginn und Zeugnistag4

Mutter schaut sich mit ihrer Tochter das Schulzeugnis an. Beide freuen sich über die guten Noten.
von Susan Edthofer | 01.07.2012

Zeugnisse sollen Aufschluss über Leistungen und Kompetenzen eines Kindes geben. Lange Zeit galten bloss Noten als Gradmesser. Erst in den 1990er-Jahren tendierte man zu Beurteilungen mittels Worten. Nun schlägt das Pendel zurück und Noten halten erneut Einzug in der Schule.

Stets ist die Schule ein Spiegel der Gesellschaft und allgemeine Tendenzen auch in der Bildung spürbar. Jüngstes Beispiel ist die neu entflammte Debatte rund um Zeugnisnoten. Rund zwanzig Jahre lang war der Trend weg von den Noten eindeutig. Mit Worten und nicht mit Zahlen wollte man den Kindern besser gerecht werden, sie ganzheitlicher erfassen und ihre Stärken und Schwächen differenzierter dokumentieren. Nun weht plötzlich wieder ein anderer Wind durch die Bildungslandschaft. «Die Zeit der Kuschelpädagogik ist vorbei.» «Es ist eine Tatsache, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben», lauten Stimmen, die vermehrt zu hören sind. Die Abstimmungsergebnisse sprechen ebenfalls eine deutliche Sprache. Sogar in der Unterstufe prägen Noten zunehmend die Zeugnisse der Schulneulinge. Der Kanton Solothurn führt Noten wieder ab der ersten Klasse ein, andere Kantone folgen, wenn nicht in der ersten, dann ab der zweiten oder dritten Klasse.

Zahlen als Leistungsmesser

Mit dem Ende des Schuljahres macht sich neben der Vorfreude auf die bevorstehenden Ferien da und dort ein flaues Gefühl breit. Mit dem Zeugnis wird Bilanz über das vergangene Semester gezogen. Nicht immer löst das eitel Freude aus. In manchen Familien hängt der Haussegen schief, wenn der Sohn oder die Tochter das Zeugnis nach Hause bringt. Oft steht zudem die Frage im Raum, wie gerecht und aussagekräftig diese Art von Beurteilung ist. Was sagen Zahlen über eine Schülerin, einen Schüler aus? Bildungsforscher Urs Moser bringt es auf den Punkt: «Es ist eine Tatsache, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben und dieser Trend ist Ausdruck eines Zeitgeistes. Vielleicht sind wir etwas zahlengläubig», bemerkt er in einem Radio Interview auf DRS 3. «Es ist eine simple Information, die alle verstehen», fügt er an. Wollen wir unsere Kinder also in eine enge Zahlenskala pressen und über Zahlen definieren? Über Sinn oder Unsinn dieser Leistungsmessung scheiden sich die Gemüter schon lange.

Pro und kontra Noten

Mit steter Regelmässigkeit entfacht sich die Diskussion über den Stellenwert der Zeugnisse neu. Zur Urteilsbildung werden pro und kontra Meinungen vertreten und Statements abgegeben. Das Pro-Lager kann sich eine Schule ohne Noten nicht vorstellen und findet die Alternative, Leistungen in Worte zu fassen, statt zu beziffern, keine Lösung. Das Kontra-Lager ist der Ansicht, dass Noten den Blick für die individuellen Fähigkeiten des Kindes oder des Jugendlichen trüben und dieses System unweigerlich Verlierer zur Folge habe.

 

Was ist Ihre Meinung und was erleben Sie in Zusammenhang mit Noten und Zeugnissen momentan in Ihrer Familie? Teilen Sie sich mit und treten Sie mit uns in einen öffentlichen Dialog zu diesem brisanten Thema.

 

 

Susan Edthofer ist Autorin des Eltern Club Schweiz-Blog. Sie ist Pädagogin und Fachjournalistin für Bildung, Erziehung und arbeitete im Team von Pro Juventute Elternbriefe mit. Zuvor war sie langjährige Chefredaktorin einer Fachzeitschrift für Lehrpersonen aus Kindergarten und Unterstufe.

 

 

4Kommentare

  • ElsbethS
    sagte am 02.07.2012 um 11:03 h:

    Ich finde es schade, wenn die Leistung eines Kindes nur auf eine Endzahl reduziert wird. Wichtiger ist ja der Weg dorthin, dass heisst, die Gesamtmotivation und Arbeitshaltung des Kindes. Wie die Schule dies handhabt können wir als Eltern ja nicht beeinflussen aber wie zu Hause mit den Noten umgegangen wird, hingegen schon. Deshalb bin ich gegen ein Belohnungssystem von sogenannt guten Noten, schöner wenn man als Familie etwas gemeinsames unternimmt als Anerkennung der Leistung des Kindes allgemein in der Schule.

       
  • JuditD
    sagte am 02.07.2012 um 12:44 h:

    Ich finde es auch sehr wichtig, dass vorallem auch die Eltern zu Hause den Kindern nicht noch zusätzlich Druck machen und die Noten überbewerten. Bei einem guten Zeugnis kann man sich mitfreuen und bei schlechten Noten dem Kind vermitteln, dass es hier noch Entwicklungsmöglichkeiten hat, ohne dass deshalb das Kind schlecht ist.

       
  • SusanE
    sagte am 02.07.2012 um 16:50 h:

    Ja, Entscheidungen kann man oft nicht beeinflussen, aber wie man darauf reagiert sehr wohl. Auch wenn man sich als Mutter wünschte, dass das eigene Kind nicht auf Zahlen reduziert würde, ist ein pragmatischer Umgang mit Noten hilfreich. Es nützt Kindern am meisten, wenn Eltern Noten als Gradmesser betrachten. So können Entwicklungen verfolgt und in Absprache mit der Lehrperson rechtzeitig Lösungen gesucht werden, damit das Kind in den entsprechenden Lernbereichen die notwendige Unterstützung erhält.

  • ThomasM
    sagte am 07.07.2012 um 22:17 h:

    Vor allem bei den kleinere Kinder ist es wichtig, dass es in der Schule auch noch Raum gibt für Kreativität, Fantasie, Emotionalität und originelle Ideen. Es wäre schade, wenn unsere aktuelle Lebensweise (oder Stimmung) die zum grossen Teil durch die Zahlen bestimmt wird, auch die Kinder stark (negativ) beinflussen würde. Ich persönlich hatte Noten während der ganze Primarschule und wurde nicht traumatisiert....In meinem Fall wurde nie, sowohl von meinem engagierten Lehrer als auch von den Eltern zu grossen Wert darauf gelegt. Wichtig ist wahrscheinlich schon, die Art und weise, mit der man mit den Noten umgeht.

       

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